Von Scherben und weiter?

Nie zu 100% fertig geschriebene Kurzgeschichte… und eigentlich habe ich auch keine Lust, noch einmal drüber zu lesen. Bevor der Text aber irgendwo in einer Ecke anfängt zu schimmeln, dachte ich mir, rein damit – Wen kümmert’s schon?

Ich sitze auf dem Stuhl in der Mitte meines Zimmers und schaue an die leere kalte Wand mir gegenüber. Mein Herz brennt, ist ungefüllt, ungefühlt. Kein Schmerz – Es ist da, aber fühlt sich schwer an. So fühlt es sich an. Schwer. Als jemand zu mir meinte, pass auf, dir ergeht es mal genauso! Dachte ich mir nur, bestimmt nicht. Ironischerweise und nicht nur biologisch habe ich mich darin natürlich geirrt. Die Musik läuft im Hintergrund. Ich höre nicht hin. Jedenfalls nicht bewusst. Meine Gedanken haben ein Freiflugticket für eine Reise ins endliche Weltall und wieder zurück. Die leeren Flaschen liegen und stehen vereinzelt, verteilt auf dem Zimmerboden. Ich stolpere manchmal darüber. Aber es stört mich nicht weiter. Der Fernseher läuft. Werbung. Ekelhaft. Auch das restliche Programm regt meinen Magen nur dazu an, die wenige Nahrung wieder auszuspeien, die ich zu mir genommen habe. Etwas Brot, etwas Eintopf. Jeder würde sagen, wie kann man sich nur so ernähren? Ich kann es jedenfalls. Billig und leicht reproduzierbar. Ich stelle die Schüssel auf den Tisch und setze mich wieder auf den Stuhl um blind die weiße Wand anzustarren. Wie konnte ich nur so naiv sein. Ich gebe es zu, Selbstkritik ist nicht gerade meine Stärke, aber wenn mir bereits früher aufgefallen wäre, dass mich meine eigene Dummheit so weit bringen kann, ich hätte doch versucht gegenzusteuern. Ich hasse es. Jetzt ist es egal. Ich nehme die Schüssel wieder in die eine, einen großen Löffel in die andere Hand. Den Fernseher schalte ich aus. Wenn ich schon sterben soll, dann durch mein eigenes seelisches Ruin und nicht durch schlechte Unterhaltungsmedien. Nach einer weile beschließe ich, die verstreuten Flaschen einzusammeln und packe sie in eine mittelgroße Plastiktüte. Die Vorhänge ziehe ich auf. Das Licht brennt in meinen Augen. Aber es ändert nichts. Meine Hand bewegt sich zitterig zum Fenster. Lehnt sich an. Ich trete zurück und öffne es. Abgase kommen mir entgegen. Das ist nicht meine Welt. Ein Betonblock hier, ein Betonblock da und dahinten ist noch einer. Gefolgt von vielen anderen größeren Plattenbauten. Nicht meine Welt. Ich drehe die Musik lauter. Die vorbeilaufenden Passanten schauen neugierig in kurzen Intervallen nach oben zum Fenster und beobachten mit flüchtigen Blicken die Lage. Müde lehne ich mich mit nacktem Oberkörper aus dem Fenster. Ziemlich hoch hier oben denke ich mir und drehe mich um. Es ist stickig in der Wohnung und die Wärme von draußen zieht durch das geöffnete Fenster hinein.

Zwei, drei, vier Schritte vorwärts und ich stehe vor der Badezimmertür. Im Badezimmer lasse ich kaltes Wasser über meine Hände laufen. Ein paar Tropfen spritze ich mir ins Gesicht um wach zu werden. Um zu realisieren, was hier vor sich geht. Es hilft nur wenig. Meine Hose ziehe ich aus, die Unterwäsche auch. Der Duschvorhang ist hässlich. Mit so kleinen bunten Farbklecksen. Ziemlich geschmacklos. Dafür ist er aber auch vergleichsweise billig gewesen. Ich ziehe ihn auf und gehe unter die Dusche. Das Wasser, lauwarm, rieselt langsam von oben auf mich hinunter. Mit beiden Armen stütze ich mich an die Wand vor mir und blicke ziellos auf den hellen Fliesenboden. Es klingelt wild an der Tür. Ich reagiere nicht. Nach kurzer Zeit hört es auch schon auf. Die Dusche wieder abgestellt, schleppe ich mich tropfend auf den Flur. Wenig Wasser läuft mir das Gesicht hinunter und zerfällt auf dem Fußboden. Mit einem großen Handtuch trockne ich mich ab und suche gleichzeitig im Schrank nach sauberen Klamotten. Neue Unterwäsche, neue Hose und ein neues Hemd. Schwer fühle ich mich immer noch. Verdammt. Das ändert einfach nichts an den Umständen. Ich muss hier raus. Die Musik ausgeschaltet, das Fenster wieder geschlossen und den kleinen Schlüsselbund vom Haken genommen, Haustür auf, Haustür zu, ich stolpere fast die Treppen hinunter. Fünfter Stock, vierter Stock, dritter Stock, zweiter Stock, erster Stock und ab nach draußen. So geht das. Schnell zu meinem alten Auto gelaufen, eingestiegen und rauf auf die Straße mit dem Ding. Ich fahre etwas schneller als normalerweise über die nächste Kreuzung und verlasse die mit alten und jungen Menschen gefüllte Blocksiedlung Richtung Autobahn. Die Straßen sind leer heute. Kaum Verkehr vor, hinter mir und auf der Gegenfahrbahn.

Mehrere Kilometer später auf der Autobahn, mein Magen meldet sich lauthals mit großem Geschrei. Ich brauche etwas zu essen, bevor sich mein Magen noch anfängt selbst zu verdauen. Also fahre ich die nächste Abfahrt bei einem Rastplatz hinunter, halte den Wagen an, schalte den Motor aus und löse den Gurt. Einen kurzen Augenblick bleibe ich noch sitzen, dann steige ich aus und gehe in die Kantine des Rastplatzes. Eine Frau mit einem Kind sitzt am Tisch mir gegenüber. Das kleine Mädchen spielt mit einer Puppe und die Frau versucht sie dazu zu bringen, etwas von dem Fast Food Mist zu essen. Die kleine mag das Zeug wohl genauso wenig wie ich – aber ich habe einen ziemlich großen Hunger und da es hier gerade nichts besseres gibt, werde ich mich wohl damit abfinden müssen. Ich bestelle mir eine Packung Pommes Frites und einen Kaffee. Die Bedienung lässt sich recht lange zeit. Ich spiele währenddessen mit einem kleinen Tütchen Ketchup. „Kapitalisten Plastiktütchen“. Eine riesig große Aufmachung und nur so wenig Inhalt. Meine Augen richten sich auf die Person hinter der Kasse im Zeitungskiosk. Ich stehe auf, packe einen Fünferschein auf den verschmutzten Tisch und gehe in Richtung des kleinen Ladens. Viele Magazine für Mann und Frau liegen aufgebart auf dem Tresen und stehen in metallenen Ablagefächern. Ich durchstöbere das Sortiment, um dann festzustellen, dass mich hier nichts interessiert und halten kann. Zurück im Auto, Motor an und ich fahre weiter meinem Ziel entgegen.

Einige Stunden später, ich bin angekommen, in die fremde Siedlung eingefahren. Das Auto parke ich in einer der wenigen freien Parklücken vor einem der sauber wirkenden Neubauten. Einen Anwohner, der der mir am nähsten ist, frage ich nach der genauen Adresse und ich habe Glück, sie ist bekannt. Jetzt weiß ich, wo genau sie hier wohnt. Ich renne die Treppen hoch, unaufhaltsam, nichts kann mich jetzt aufhalten. Ich drücke die Türklingel, klopfe unermüdlich an die alte Tür und nach einer so mir endlos erscheinenden Zeit, sehe ich H. wieder. Nach den ganzen Jahren, die ich allein war. Die ich mich einsam gefühlt und verloren hatte. Sie öffnet die Tür und steht vor mir. H. sieht mich mit gesenktem Haupt an. Mein Herz rast, mein Puls durchbricht scheinbar die Schallmauer. Mir fehlen die Worte und H. sieht mich nur an, kann es kaum glauben, dass ich vor ihr stehe. Ihre Augen zielen auf die meine und meine auf die ihre, wie die strahlende Sonne an einem Tag, an dem die Welt in ihr endgültiges Ende versinkt, als währe es der letzte Moment, den es noch zu bestreiten gibt. Der überhaupt noch existiert. Ich weiß H. es ist lange her und es tut mir leid. Es tut mir leid, wie ich bin, wie ich mich verhalten habe, dass ich naiv bin, ungeduldig, stur und dumm. Ich hätte es wissen müssen, ich kann so nicht leben. Zu lange habe ich schon gezögert, es musste raus, mein Kopf explodiert, ich bin am Ende, aber vorher musste ich dich einfach sehen. Noch ein letztes mal. Ich weiß nicht, wie du damals zu mir gestanden hast, ich war vernarrt in dich. Jeder meiner Gedanken musste geteilt werden und immer eine hälfte musste sich für dich aufgeben. Ich kann es nicht ändern, ich kann mich nicht wehren. Es ist so und ich kann so nicht mehr leben! Antworten brauche ich und ich kann nicht mehr darauf warten. Darum bin ich gekommen. Sag mir, was du denkst. Sag mir, was du fühlst. Wer sind wir. Nenn mir den Preis, den ich zahlen muss, um meine Schulden bei dir begleichen zu können. Ich weiß, es wird ein hoher Preis sein müssen, denn eine Seele kann man so nicht erretten. Doch will ich es versuchen, so wie ich es damals versucht habe, aber blockiert wurde, von einer Person, die ich mit der Zeit gelernt habe zu kontrollieren. Von niemand geringerem, als mir selbst.

H. schaut mich noch immer an, mein Herz zerreißt dabei. Die Ungeduld kommt wieder in mir auf und H. spricht endlich zu mir, sagt, wie kannst du jetzt zu mir kommen? Was denkst du dir dabei, dass die Zeit zurückzuspulen ist, dass alles wird, als wäre nichts gewesen? Du hast mich nicht bemerkt, ich habe mich an dir versucht, doch du warst mit anderen Dingen beschäftigt. Du bist irrsinnig, du bist psychisch! Ich kann dich hier nicht gebrauchen, warum tust du mir das alles an? Was willst du jetzt von mir hören? Das ich dich geliebt oder das ich dich verabscheut habe, weil du bist, wie du bist? Wie kannst du nach so langer Zeit vor meiner Tür stehen und behaupten, du hättest dich verändert? Ich sehe in deinen Augen, dass alles noch ist wie vorher! Du hast mich nur endlich bemerkt, aber es ist jetzt zu spät und du hast es jetzt begriffen. So ist es doch, du kannst es nicht verleugnen! Du bist kein anderer, du bist der selbe! Du bist krank. Lass mich in frieden, dich brauche ich nicht mehr. Ich habe einen anderen, weil du zu spät gekommen bist. Viele Jahre zu spät und jetzt verschwinde von hier, sonst rufe ich die Polizei und du wirst in Handschellen abgeführt. Jeder wird sehen, dass du dich nicht geändert hast, wie ich es gesagt habe. Sie werden dich abführen, brutal in ihren Wagen stoßen, also pass auf. Du gehst jetzt. Ich habe noch anderes zu tun, als mich mit dir und deinem kranken Charakter zu beschäftigen.
H. verschwindet in der Wohnung und knallt die Tür zu. Mein Herz, längst in vielen teilen auf dem Boden verteilt, hört auf zu schlagen und färbt sich langsam schleichend schwarz.

Damit ist es wohl zuende. Ich kann noch eine heftige Auseinandersetzung in der Wohnung hören. Ich reagiere nicht darauf und gehe. Auf dem weg zurück, die einzelnen Treppen hinunter, zu meinem Auto, werde ich von jemandem angesprochen. Was verdammt noch mal sollte das?! Heißt es von der Person und ich sehe wie mir eine geballte Faust entgegen kommt und mich auf die kalten Kacheln reißt. Einen kurzen Moment harre ich aus, dann versuche ich mich mühselig aufzurichten, spucke Blut auf die Steine und schaue der Person kalt in die Augen. Vier Sekunden später drehe ich ihm den Rücken zu und mit schon fast einer inneren Vorahnung bekomme ich sofort den nächsten Schlag ab. Wieder rücke ich dem Boden näher als mir lieb ist. Ich bin nicht die stärkste Person und ich habe nicht den ausdauerndsten Körper. Ich verweile in hockender Position auf dem Boden und atme mit schnellen Zügen ein und aus, ein und wieder aus. H. hat mitbekommen, was passiert ist. Sie kommt die Treppen hinunter gelaufen und ruft zu K., hör auf! Ich kann es nicht ertragen. Hör damit auf K.! Ruft sie der Person vor mir zu und weint dabei. K. dreht sich um und brüllt H. mit einer rauen, brutal wirkenden Stimme an. Er schreit sie an, um ihr sogleich im nächsten Moment eine Ohrfeige zu verpassen, die sie ruckartig zusammenzucken lässt. Jetzt spüre ich einen Adrenalinschub in mir, der mich nach oben reißt, direkt in den Himmel und mit scheinbar gebündelter Energie, so fühlt es sich an, mit all meiner Energien, die ich je gespürt habe, die sich in jeder einzelnen Zelle meines Körpers befinden, die ich mobilisieren kann, springe ich auf und bringe ihn mit einem ungezielten, im Wahn getätigten, ausgeholten Faustschlag, mittig auf seinen Brustkorb ins Taumeln und er fällt nach hinten, ist von dem unerwartetem Schlag sichtlich benommen und verwirrt, rutscht die Wand hinter sich entlang und landet sitzend auf den steinernen Treppenstufen.

Ich stehe vor ihm, fühle das Adrenalin in meinen Adern, wie es pulsiert und ich schreie ihn an. K.! Wiederhole deine Tat, K. und es wird deine letzte sein! Das schwöre ich dir, denn du bist kein Mensch. Eine niedere Kreatur. Mehr nicht, nur eine niedere Kreatur und ich verabscheue dich. Ja, ich verabscheue dich K., denn dich kann man nur verabscheuen, du bist eine Person der tiefsten und dunkelsten Hölle die man bewohnen – nein, die man nicht einmal bewohnen kann. Du bist eine Person der unbewohnbarsten Hölle und du wirst Schmerzen erleiden, genau wie ich Schmerzen erleide. Du bist Psychisch und du bist krank. Du glaubst, dein Auftreten und dein Handeln schindet Eindruck und macht dich zu etwas starkem, aber du irrst dich K.! Du irrst dich, wie du dich in allem irrst. Wenn ich mit dir fertig bin, werden alle über dich lachen, du wirst nicht nur das Gelächter aller hier wohnenden Menschen sein. Nein, du wirst das Gelächter aller Menschen überhaupt sein. Wenn man deinen Namen hört wird man wissen, dass du ein Versager bist. Jemand, der sich mit Gewallt Macht verschaffen muss. Eine niedere Kreatur, unwürdig zu beachten. Für alle wirst du nur Luft sein, die dreckigste und stickigste Luft. Luft die man nicht atmen kann, so sehr man es auch versuchen würde und Du erstickst daran K. Du erstickst an dir selbst. Dafür muss ich nicht sorge tragen, Du schaffst es alleine. Keiner braucht dir dabei zu helfen, keiner den du je gedemütigt hast, den du je geschlagen hast. K. du bist es nicht wert von mir gehasst zu werden. Ich werde dich nicht mehr hassen. Nur noch bemitleiden. Das ist alles, was du bist. Bemitleidenswert. Sieh dir an, was du bist. Sieh mich an und sieh dich an. Siehst du den Unterschied, K.? Ich habe Wut in mir, eine große Wut und ich stelle mir vor, wie ich dich alleine mit der Kraft meiner Wut in zehn – nein, in tausend einzelne Teile zerreiße! Ganz einfach so und ohne Anstrengung! K. ich bin nicht psychisch, du bist psychisch. Ich werde dich jetzt vergessen. Es macht klick und ich werde dich vergessen, nie mehr beachten, du bist deine eigene stickige und dreckige Luft und ich werde jetzt gehen. Wir werden uns nie wieder sehen K., wenn ich dich doch noch einmal sehe und du sie oder jemand anderen noch einmal schlägst, töte ich dich K., das kannst du mir glauben. Auch, wenn du es mir nicht zutraust. Du wirst schon sehen, was du davon hast! Du wirst sehen, ich werde Dich dann töten.

Mit dem blutbeflecktem Ärmel meines Hemdes wische ich die wenigen Tränen aus meinen Augen. Vergiss’ mich nicht, sage ich mit leisem Wort zu H., die sich hinter dem Geländer hält und ich verlasse leicht gekrümmten und unter Schmerzen, eine Hand meinen Bauch schützend, das Gebäude, gehe an den herangestürmten, gaffenden Passanten vorbei. Beachte sie nicht, beachte niemanden.

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